Es gibt eine Frage, die in mir schlummert. Ich trage sie mit mir, wann immer ich in Bewegung bin – beim Fahrradfahren, beim Laufen, in der Gegenwart, in der ich doch so selten wirklich ankomme. Es ist eine große Frage, die sich schon so viele vor uns gestellt haben, doch in diesen Zeiten scheint sie schwerer zu beantworten als je zuvor: Was ist die Essenz des Menschseins?

Es gibt die erste Tageshälfte, da bin ich in der Stadt. Ich sehe Menschen, die konsumieren, um unsere Wirtschaft am Leben zu halten. Ich blicke in ihre Gesichter, sehe die Müdigkeit, die Rastlosigkeit, die leeren Blicke. Ich weiß: Hier werde ich keine Antwort finden. Wir reden über Effizienz, diskutieren über KI, streiten über Politik, regen uns auf. Aber wo bleibt der Raum für das Wesentliche? Also suche ich weiter. Ich bin in Bewegung, versuche die Antwort an einem anderen Ort zu finden.
Die zweite Tageshälfte. Ich komme mit meinem Fahrrad nach Hause, ziehe meine Schuhe aus und betrete meinen Garten. Hier ist alles anders. Die Natur geht ihren Weg, ohne Eile, ohne Hast. Die Amsel scharrt nach Würmern in ihrer Ecke, die Meisen inspizieren ihre Nester. Hier scheint alles im Einklang, alles ist, wie es sein soll. Ich komme der Antwort näher, doch greifen kann ich sie nicht. Schließlich ist da die Konditionierung, diese Stimme in mir, die sagt: Das ist doch Träumerei. Damit kann man nicht sein Leben verbringen. Und doch… ich schaue in meine Beete. Meine ersten Sämlinge haben gekeimt. Der Garten wird mich nähren, er gibt mir zurück, was ich ihm gebe. Ein Stück näher an der Antwort? Vielleicht.
Ich laufe zur Beuster, sehe die Wildkräuter sprießen. Ich stecke mir Girsch in den Mund. Er treibt mir den langen Winter aus dem Körper, bringt Leben zurück in mein Sein.

Nach und nach füllt sich meine Tupperbox mit Brennesel, Löwenzahn, Bärlauch und Gundermann. Unterwegs begegne ich Hundebesitzern, überall Hundebesitzer. Sie schauen mich an, ungläubig vielleicht, neugierig oder auch nur flüchtig. Ein Spinner, ein Freak? Oder doch jemand, der dieselbe Frage in sich trägt? Ich zücke mein Handy, will die aufgehenden Blüten eines Baumes festhalten. Doch ein Foto ist nur ein Abbild, eine Momentaufnahme eines Lebens, das immer im Wandel ist.
Ich fahre nach Hause, koche meinen Wildkräutertee. Auf der Terrasse trinke ich genussvoll, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und plötzlich kommt mir eine Idee: Vielleicht ist die Essenz des Menschseins nicht eine einzelne Antwort, sondern eine Bewegung – ein Fluss zwischen Fragen und Momenten des Verstehens. Wir sind Wesen zwischen Erde und Himmel, verwurzelt und doch voller Sehnsucht nach dem, was wir nicht ganz greifen können. Wir lieben, leiden, wachsen. Wir schaffen und zerstören, zweifeln und hoffen. Wir erzählen Geschichten, lachen über uns selbst, hinterlassen Spuren – in der Welt, in anderen, in der Zeit.

Vielleicht ist es das: Die Essenz des Menschseins ist nicht ein einzelner Gedanke, sondern der Tanz dazwischen. Der Tanz zwischen Herz und Verstand, zwischen Werden und Vergehen. Zwischen der Schwere des Irdischen und der Sehnsucht nach dem Unermesslichen. Wir sind stets im Übergang, stets im Suchen. In jedem Atemzug ein Hauch von Vergänglichkeit, in jedem Aufbruch die Möglichkeit eines Neubeginns. Vielleicht sind wir dazu bestimmt, niemals anzukommen, sondern immer wieder aufzubrechen – getragen von Fragen, genährt von Momenten, die uns erkennen lassen, dass wir Teil von etwas Größerem sind.
Und vielleicht ist es genau das, was uns verbindet: Dass wir alle auf dieser Reise sind, mit offenen Händen und wachen Herzen, lauschend auf das, was hinter den Worten liegt – auf das, was uns, für einen kostbaren Augenblick, ganz und gar lebendig sein lässt.