Sven`s Gedanken über das Altern – Vom leisen Wandel des Lebens

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Schon gewußt?
In vielen sogenannten „Blue Zones“ – Regionen mit besonders vielen sehr alten Menschen (z. B. Okinawa in Japan oder Sardinien) – gibt es keinen Begriff für „Rente im klassischen Sinn“. Ältere Menschen bleiben dort selbstverständlich Teil des Alltags: sie arbeiten leicht weiter, sind in Familien eingebunden, geben Wissen weiter. Nicht als Pflicht, sondern als normaler Lebensrhythmus.

Auf meiner Fahrradrunde durch die Stadt machte ich wie so oft Halt in einem meiner Lieblingscafés. Ich setzte mich an meinen Tisch, schlürfte meinen Espresso und beobachtete einen sehr alten Mann, der neben seinem Rollator saß und versuchte, seinen Kuchen zu essen. Immer wieder fiel ihm ein Stück herunter. Mit zittrigen Händen führte er die Gabel zum Mund und doch landete der Kuchen erneut auf dem Teller, manchmal daneben. Dann hob er kurz den Blick, sah mich an und lächelte. Irgendetwas an diesem Bild berührte mich tief. Und in mir entstand ein Gedanke: Wie wäre es eigentlich, das Alter wirklich anzunehmen?

Ein kleiner Rückblick

Auch mir ging es in den letzten drei Monaten nicht besonders gut. Ich hatte so etwas wie einen Energieeinbruch und lief nur noch auf halber Kraft. Für jemanden, der gewohnt ist zu funktionieren, war das zunächst schwer zu akzeptieren. Also versuchte ich, alles wieder in Bewegung zu setzen, mich zurück auf mein „altes Level“ zu bringen. Doch es ging nicht nach oben. Es blieb, wie es war.

Und irgendwann stellt sich diese Frage: Warum eigentlich? Warum, obwohl ich mich bewege, auf meine Ernährung achte, vieles richtig zu machen versuche, fühle ich mich plötzlich wie ausgebremst? Man landet schnell in Podcasts, die einem erklären, welche Stellschrauben man noch drehen könnte. Testosteron, NEM, viel Fleisch und einiges mehr. Man rutscht beinahe unbemerkt in diese Longevity-Welt, in der das Altern etwas ist, das man optimieren, verschieben oder am besten ganz vermeiden soll.

Mittlerweile geht es mir wieder etwas besser. Aber die Energie von vor einem Jahr ist nicht mehr ganz da. Vielleicht kommt sie wieder, vielleicht auch nicht. Was ich jedoch gelernt habe: diesen Zustand anzunehmen. Ich werde bald 51. Und vielleicht war es einfach nur eine Phase, vielleicht meine Midlife-Crisis, vielleicht ein natürlicher Abschnitt.

Über das Altern

Was mich an dieser ganzen Longevity-Debatte manchmal irritiert, ist der Blick auf das Alter selbst. Es wirkt oft wie ein Fehler im System, etwas, das man besiegen muss. Dabei entgeht uns vielleicht etwas Wesentliches: dass das Leben begrenzt ist. Und genau diese Begrenzung macht es kostbar.

Ich hatte mir einmal geschworen, mit meiner Frau sehr alt und sehr gesund zu werden. In meinem Kalender stand sogar ein Eintrag: Mit 80 noch einmal einen Halbmarathon laufen. Diesen Gedanken habe ich inzwischen ein wenig losgelassen. Er wirkt nicht mehr so zwingend realistisch. Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum. Vielleicht geht es darum, das Alter anzunehmen – und es so gut zu gestalten, wie es eben geht. Und dabei nicht nur funktional zu bleiben, sondern auch glücklich.

Gleichzeitig fällt mir auf, wie sehr das Alter in unserer Gesellschaft zunehmend an den Rand gedrängt wird. Alte Menschen scheinen oft nicht mehr richtig stattzufinden. Sie werden leiser, unsichtbarer gemacht, manchmal beinahe ausgesondert – als wären sie nicht mehr Teil des eigentlichen Lebens. Nicht mehr „produktiv“, nicht mehr „cool“, eher etwas, das man verwaltet, statt das man einbindet.

Und man fragt sich unweigerlich: Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die so mit ihren Vorfahren umgeht? Mit denen, die all das, worauf wir heute stehen, überhaupt erst aufgebaut haben? Vielleicht verlieren wir damit nicht nur die Alten aus dem Blick, sondern auch einen Teil unserer eigenen Zukunft – und unserer Vergangenheit.

So wie dieser alte Mann im Café, dem das Altern nicht erspart bleibt, der aber trotzdem da sitzt, lächelt und seinen Kuchen isst, Stück für Stück.

Was bleibt

Im Alter muss man nicht mehr jedem Trend hinterherlaufen, dem ich selbst so oft gefolgt bin. Die Zeit wird anders. Langsamer vielleicht. Klarer. Und ehrlich gesagt freue ich mich manchmal schon auf Dinge wie den Mittagsschlaf. Darauf, sich Zeit zu nehmen, meinen „Einklang Garten“ in vollen Zügen zu genießen. Oder auch darauf, eine gewisse Eigenwilligkeit zu entwickeln, die andere gelegentlich in den Wahnsinn treibt. Vielleicht ist das gar nicht schlecht.

In dem Film „Ach diese Lücke“, den ich dieses Jahr gesehen habe, sagte Santa Berger: „Die größte Zumutung im Leben ist es, alt zu werden.“ Daraufhin gönnte sie sich mit ihren Mann erst einmal einen Cognac. Und vielleicht ist genau das die richtige Antwort: nicht alles optimieren zu wollen – sondern hin und wieder einfach anzustoßen, auf das Leben, so wie es ist.

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  1. Treffender geht es nicht!

    1. Danke liebe Alex.

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