Wer spricht da eigentlich? – Eine Theorie über das Mikrobiom und unsere Gesellschaft

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Schon gewußt?
In deinem Körper leben mehr mikrobielle Zellen als menschliche Zellen – aber selbst das ist nicht das Erstaunlichste. Die Gene deines Mikrobioms übertreffen deine eigenen um ein Vielfaches: Während du etwa 20.000 menschliche Gene besitzt, bringt dein Mikrobiom über 3 Millionen Gene mit. Man könnte also sagen: Du bist zu 99 % Mikrobe – genetisch gesehen. 😄

Ich lebe ein Leben im Stoizismus. Wer sich mit dieser Philosophie beschäftigt hat, weiß: Es geht nicht darum, die Welt zu verändern – sondern sich selbst. Den Fokus richten auf das, was im eigenen Einflussbereich liegt: meine Familie, mein Garten, meine Freunde, die Menschen, denen ich begegne. Alles andere liegt außerhalb meiner Reichweite – so sehr ich auch darüber nachdenke.

"Einklang" Garten

Und doch gibt es Momente, in denen mich Zweifel überkommen. Zum Beispiel, wenn ich im Supermarkt vor dem Regal mit Fertiggerichten oder auf das Supermarktband meiner Mitmenschen blicke. Ich frage mich: Was essen wir da eigentlich? Und mehr noch: Wer entscheidet, was wir essen?
Manchmal wirkt es, als würden nicht die Menschen einkaufen – sondern ihre Gewohnheiten, ihre Gelüste, vielleicht sogar ihre Darmbakterien.

Wir sind nicht wir selbst

In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit Ernährung beschäftigt – durch meinen Garten, durch den Weg zur pflanzlichen Ernährung, durch das Erleben, wie sich Vielfalt auf Haut, Geist und Körper auswirkt. Und dann kam dieses eine Thema, das alles verändert hat: das Mikrobiom.

Wir bestehen zu einem überwältigenden Teil nicht aus uns selbst – sondern aus fremden Mitbewohnern: Bakterien, Viren, Pilzen, Einzellern. Eine riesige, komplexe Lebensgemeinschaft in unserem Inneren. Wir sind Ökosystem. Und gleichzeitig Gastgeber.
Und vielleicht sind wir nicht der Chef im Haus, sondern eher der Hausmeister – zuständig für die Versorgung, aber nicht unbedingt für die Entscheidungen.

Spätestens seit Corona, als wir versuchten, jede Mikrobe fernzuhalten, wurde mir klar: Das ist nicht der Weg. Es geht nicht darum, Keime zu eliminieren. Es geht darum, Vielfalt zuzulassen. Denn unser Mikrobiom stabilisiert uns – körperlich und psychisch. In einer Welt der Einseitigkeit – Fastfood, Zucker, Fleisch, industrielle Snacks – ist unser inneres Ökosystem oft nur noch eine Einöde. Und wer lebt dort dann? Die, die Lärm machen. Die, die Stress verursachen. Die, die rufen: „Mehr Chips! Mehr Cola! Mehr von uns!“

Wer steuert hier wen?

Und da kommt meine Theorie: Vielleicht sind es nicht wir, die entscheiden, was wir essen. Vielleicht sind es sie. Wenn wir zu 80% aus Mikroorganismen bestehen, wie sicher können wir uns sein, dass unsere Gedanken, Gelüste, Stimmungen und Impulse wirklich unsere sind?

Ich glaube, eine ganze Gesellschaft wird heute vom Mikrobiom gesteuert. Oder besser gesagt: von einem verarmten, aggressiven, dominanten Mikrobiom. Menschen, die sich schlecht ernähren, wehren sich oft vehement gegen pflanzliche Kost. „Ist doch Quatsch“, „Braucht man nicht“, „Ich ess’ lieber normal.“ Doch was, wenn diese Ablehnung nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch kommt Was, wenn dort ein paar dominante Bakterienstämme wohnen, die keine neuen Mitbewohner dulden wollen?

Die Frage ist: Wie kommen wir da raus? Wie durchbrechen wir diesen Kreislauf, wenn der Wille nicht vom Verstand, sondern vom Darm sabotiert wird?

Meine Antwort: Einschleichen. Nicht überfordern. Nicht missionieren. Sondern langsam, leise, liebevoll. Ein Löffel Kimchi. Ein Glas Ingwerbier. Ein bisschen Miso. Ein fermentiertes Getränk. Immer mal wieder eine neue Pflanze in unseren Essen. Tausende kleine Mikroorganismen, die freundlich anklopfen. Und wenn sie Einlass bekommen, rufen sie: „Wir wollen bleiben! Holt unsere Freunde!“ Der Körper beginnt sich zu erinnern. An Gesundheit. An Vielfalt. An Balance. Die Lust auf echte Nahrung kommt zurück. Die Chips verlieren ihren Reiz. Und auf einmal ruft dein Mikrobiom nach Brokkoli. Ja, wirklich.

Mein eigener Weg

2016 war ich ziemlich am Boden – körperlich, psychisch. Und ein großer Teil hatte mit meinem Darm zu tun. Heute, fast zehn Jahre später, fühle ich mich fitter als mit 25. Was hat den Unterschied gemacht? Pflanzliche Ernährung und fermentierte Lebensmittel. Auf meinem Blog findest du viele Rezepte dazu – Kimchi, Kwas, Sauerkraut, fermentierter Blumenkohl, goldenes Kraut… Sie sind einfach herzustellen. Und sie verändern dich. Von innen heraus.

Der Darm und die Psyche

Nun könnte man sagen: Lass doch die Leute essen, was sie wollen. Doch ich glaube: Unser Mikrobiom hat Auswirkungen, die weit über Krankheit und Übergewicht hinausgehen. Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die sich einseitig ernähren, oft gereizter sind. Aggressiver. Sie sind unzufrieden, unruhig, depressiv, ablehnend gegenüber Wandel.

Vielleicht wählt ein Teil von ihnen sogar AfD – aus dem Bauch heraus. Im wahrsten Sinne. Das klingt überspitzt, ich weiß. Aber denk mal drüber nach: Wir leben in einer Zeit des Überflusses. Wir haben mehr Zugang zu Bildung, Nahrung und Möglichkeiten als je zuvor. Warum also diese kollektive Unzufriedenheit? Vielleicht, weil in uns drin etwas schiefläuft. Weil unser inneres Ökosystem ruft: Uns fehlt etwas! Uns fehlen Vielfalt, Natur, gute Nahrung!

Und jetzt?

Ich glaube: Wir haben die Verantwortung, gute Bakterien unter die Leute zu bringen. Nicht mit Zwang, sondern mit Begeisterung. Nicht mit Dogmen, sondern mit Löffeln.

Ein Löffel Kimchi für die Welt. Ein Glas Kwas gegen die Angst. Ein fermentierter Aufstrich gegen die Wut. Der Weg zu einer friedlicheren, gesünderen Gesellschaft beginnt vielleicht nicht im Kopf – sondern im Darm.

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