Ein großes Glücksgefühl ist es, wenn ich den Ofen öffne, den Deckel vom Römertopf hebe und sehe, dass mein Brot aufgegangen und aufgerissen – lebendig geworden ist. Wenn sich die Kruste golden wölbt und das Brot in seiner eigenen Wärme atmet, dann ist das einer jener Momente, die man kaum mit etwas anderem vergleichen kann.

Heute möchte ich euch ein Rezept an die Hand geben, das meinem Sauerteigbrot noch einmal einen echten Entwicklungsschub gegeben hat. Ich verrate euch ein paar Tipps, wie euer Brot noch besser aufgeht, fluffiger wird und eine herrlich rösche Kruste bekommt. Außerdem schauen wir uns zwei spannende Dinge genauer an: den Gelbweizen, den ich für dieses Brot verwende – und das oft unterschätzte Brühstück, das wahre Wunder im Teig bewirkt.
Gelbweizen – das goldene Urgetreide
Ich habe meinen Gelbweizen bei den Urkornpuristen gekauft – und möchte ihn seither nicht mehr missen. Gelbweizen gehört zu den alten, ursprünglichen Getreidesorten, die in ihrer Struktur noch weitgehend naturbelassen sind. Seine warme, goldene Farbe stammt vom Carotinoidgehalt, also denselben natürlichen Farbstoffen, die auch in Karotten vorkommen.
Diese alten Sorten sind oft weniger gespritzt, verträglicher für unseren Darm und bringen ein ganz eigenes, leicht nussiges Aroma mit. Im Vergleich zu modernen Weizensorten enthält Gelbweizen häufig mehr Mineralstoffe und Antioxidantien – und gibt dem Brot eine angenehm weiche, leicht goldene Krume. Ich kann euch nur immer wieder ermutigen, euch mit Urgetreiden zu beschäftigen. Sie erzählen Geschichten aus einer Zeit, in der Getreide noch im Einklang mit Boden, Klima und Mensch gewachsen ist.
Das Brühstück – altes Brot mit neuem Leben
Altes Brot müsst ihr nicht wegwerfen – im Gegenteil! Ihr könnt es wunderbar als Brühstück für euer nächstes Brot verwenden. Dazu übergießt ihr das alte, trockene Brot einfach mit kochendem Wasser, am besten am Vorabend, wenn ihr auch euren Sauerteig ansetzt. Über Nacht zieht sich das Brot richtig voll und wird am nächsten Tag als weiche, saftige Masse in den Teig gegeben.

Das Brühstück sorgt dafür, dass euer Brot mehr Wasser speichern kann – dadurch bleibt es länger frisch, saftiger und bekommt eine schöne elastische Krume. Auch geschmacklich tut sich viel: Das alte Brot bringt Röstaromen, Tiefe und eine leicht karamellige Note mit. Außerdem wirkt die Feuchtigkeit des Brühstücks wie ein kleiner Turbo fürs Aufgehen – der Teig dehnt sich besser aus, das Brot wird lockerer und bekommt eine schöne, lebendige Porung.
Ihr könnt Brühstücke übrigens für fast alle Brotarten verwenden, besonders für kräftige Landbrote oder Mischbrote mit Sauerteig.
Eine kleine Geheimzutat – Fermentflüssigkeit
Eine kleine, aber wirkungsvolle Zutat, die ich seit einiger Zeit regelmäßig verwende, ist ein Schuss Fermentflüssigkeit. Das kann z. B. die Flüssigkeit von fermentiertem Gemüse sein – etwa vom Sauerkraut, Kimchi oder ein Schluck Ingwerbier.

Fermentierte Lebensmittel enthalten Milchsäurebakterien, die auch im Sauerteig aktiv sind. Diese Bakterien unterstützen den natürlichen Gärprozess, machen den Teig lebendiger und helfen ihm, besser aufzugehen. Gleichzeitig verlängern sie die Haltbarkeit des Brotes, weil sie ein leicht saures, mikrobiell stabiles Umfeld schaffen. Seitdem ich regelmäßig einen Löffel Sauerkrautflüssigkeit oder ein wenig Ingwerbier in meinen Teig gebe, hat sich mein Brot noch einmal spürbar verbessert – in Geschmack, Luftigkeit und Frische.
Zum Abschluss
Probiert dieses Brot unbedingt einmal aus. Wenn ihr keinen Gelbweizen zur Hand habt – keine Sorge. Ihr könnt stattdessen auch einen anderen hellen Weizen oder Dinkel verwenden. Wichtig ist die Freude am Experimentieren – und die Geduld, mit der man jedes Brot wachsen sieht. Denn Brotbacken ist mehr als ein Rezept. Es ist ein stiller Dialog zwischen Mehl, Wasser, Zeit und uns selbst. Viel Freude beim Backen und Entdecken!

Sven`s Gelbweizen-Sauerteigbrot mit Brühstück
Kochutensilien
- 1 Rührschüssel
- 1 Mixer oder Getreidemühle
- 1 Handmixer mit Knethaken
- 1 Waage
- 1 Gärkörbchen
- 1 Römertopf
- 1 Backofen
- 1 Gitter
Zutaten
- 150 Gramm aktiver Sauerteig gut aufgefrischt am Vorabend
- 100–150 Gramm altes Brot in Stücke, mit kochendem Wasser übergossen (am Vorabend angesetzt) Brühstück
- 500 Gramm Gelbweizenmehl selbst gemahlen oder gekauft
- 270 ml Wasser
- 10 Gramm Salz
- 2 TL Brotgewürz z.B.: Fenchel, Anis, Kümmel, Cardamom (optional)
- 2 EL Saaten z.B.: Sonnenblumenkerne, Leinsamen
Anleitungen
Am Vorabend (Vorteig)
- Sauerteig auffrischen: 50 g Anstellgut mit 50 g Mehl und 50 g Wasser mischen und über Nacht reifen lassen, bis der Sauerteig wieder aktiv ist.
- Brühstück ansetzen: Altes Brot in Stücke brechen, mit kochendem Wasser übergießen, abdecken und über Nacht quellen lassen.
Am Morgen (Hauptteig)
- Mehl vorbereiten: Gelbweizenkörner im Mixer oder in der Mühle fein mahlen – oder fertiges Gelbweizenmehl verwenden.
- Teig zubereiten: 270 g Wasser mit dem abgekühlten Brühstück den Sauerteig in einer Schüssel verrühren, bis eine gleichmäßige Masse entsteht. Mehl hinzufügen, anschließend Salz, Gewürze und Saaten unterrühren.
- Kneten & Ruhen: Den Teig 6–10 Minuten mit dem Mixer und Knethaken kneten, bis eine elastische Glutenstruktur entsteht (der Teig zieht Fäden und fühlt sich geschmeidig an). Anschließend abdecken und für mindestens 6, höchstens 24 Stunden zur Gare in den Kühlschrank stellen.
Nach dem Arbeitstag / nach Kühlschrankgare (Formen & Endgare)
- Teig vorbereiten: Den Teig aus dem Kühlschrank nehmen und auf eine bemehlte Arbeitsfläche legen. Mehrmals dehnen und falten, dabei den Teig immer wieder in sich zusammenschlagen, um Spannung aufzubauen. Die Oberfläche sollte glatt und straff werden – den Teig dafür rundwirken, einschlagen oder leicht „rollen“, bis eine gespannte Teighaut entsteht.
- Gärkörbchen: Den Teig mit der gespannten Seite nach oben in ein gut bemehltes Gärkörbchen legen und mit einem Tuch abdecken. Noch einmal kurz gehen lassen, etwa 30–60 Minuten.
Backen im Römertopf
- Römertopf vorbereiten: Den Römertopf samt Deckel leicht mit Kokosöl oder neutralem Öl einfetten. Anschließend in den kalten Backofen stellen und den Ofen auf die höchste mögliche Temperatur vorheizen (ca. 250–270 °C, je nach Ofen).
- Topf entnehmen (vorsichtig!): Den heißen Römertopf mit Ofenhandschuhen (oder samt Blech) aus dem Ofen nehmen. Den Teig vorsichtig aus dem Gärkörbchen in den Topf stürzen, den Deckel aufsetzen und den Römertopf zurück in den Ofen schieben.
- Backzeit Teil 1: Das Brot mit geschlossenem Deckel 20 Minuten backen – die entstehende Dampfhitze sorgt für einen kräftigen Ofentrieb und eine schöne Krustenbildung.
- Deckel entfernen (der schönste Moment): Den Deckel abnehmen und genießen, wie die Kruste aufgerissen und goldbraun geworden ist. Die Temperatur auf 180 °C reduzieren.
- Backzeit Teil 2: Das Brot weitere 40 Minuten ohne Deckel backen, bis die Kruste gleichmäßig braun und knusprig ist. Anschließend aus dem Römertopf heben und auf einem Gitter vollständig abkühlen lassen (mindestens 30–60 Minuten), bevor es angeschnitten wird.