Sven’s helle Shoyu aus Koji-Reis – Zeit macht Geschmack

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Schon gewußt?
Shoyu ist nicht gleich „Sojasauce“: In Japan ist „Shoyu“ meist gebraute Sojasauce (fermentiert). Viele „Sojasaucen“ im internationalen Supermarkt sind dagegen Mischungen/Varianten – deshalb schmeckt Shoyu oft runder und weniger „nur salzig“.

Wer kennt es nicht aus der eigenen Vergangenheit: Auf jedem Esstisch stand sie. Diese eine Flasche. Braunes Glas, roter Deckel, gelbes Etikett. Maggi. Das flüssige Versprechen, dass selbst verkochte Nudeln noch eine Chance haben. Ein paar beherzte Spritzer – pum pum pum – und plötzlich schmeckte alles nach… na ja, nach Maggi. Ein Wundermittel aus dem Chemiebaukasten, das es irgendwie geschafft hat, sich in unsere kulinarische DNA einzubrennen.

Aber: Es geht auch anders. Und zwar deutlich älter. Viel älter. Mehrere tausend Jahre alt sogar.
Mit einer Heimat nicht im deutschen Küchenschrank, sondern in Japan. Denn Umami – dieser tiefe, herzhafte Geschmack, den wir so lieben – muss nicht aus der Flasche mit rotem Deckel kommen.

Er kann auch aus Shoyu stammen: japanischer Sojasauce. Nachdem wir letzte Woche bereits die Herstllung von Koji-Reis aufgestoßen haben (und damit eine neue Tür in die Welt der Koji Fermentation), möchte ich euch heute eines der wohl wichtigsten „Wundermittel“ der japanischen Küche vorstellen. Ein Grundpfeiler des Geschmacks. Ein Kulturgut. Und ja – ein echtes Handwerk. Shoyu ist in Japan so selbstverständlich verankert, wie bei uns Salz, Pfeffer oder eben… Maggi.

Ich möchte euch auf eine kleine Reise mitnehmen: Wie Shoyu entsteht, woher sie kommt, warum sie so schmeckt, wie sie schmeckt – und wofür man sie eigentlich alles benutzen kann.

Die Tradition der Shoyu – mehr als nur Sojasauce

Shoyu ist nicht einfach „Sojasauce“. Shoyu ist Zeit. Geduld. Und eine ziemlich beeindruckende Beziehung zwischen Mensch, Pilzen, Mikroorganismen und Holzfässern. Die Wurzeln der Shoyu reichen viele Jahrhunderte zurück. Ursprünglich kam die Technik der Sojaverarbeitung aus China nach Japan, wurde dort aber weiterentwickelt und verfeinert – typisch japanisch eben. Präziser, ruhiger, kompromissloser.

Koji ist der unsichtbare Motor hinter Shoyu. Der Edelschimmelpilz Aspergillus oryzae wächst auf gedämpften Sojabohnen (oft zusammen mit geröstetem, gebrochenem Weizen) und produziert dabei vor allem eines: Enzyme. Diese Enzyme sind wie kleine Werkzeuge, die das Material „aufschließen“, das für uns sonst ziemlich schwer zugänglich wäre.

Proteasen und Peptidasen zerlegen das Eiweiß der Bohnen Schritt für Schritt, Amylasen knacken Stärke zu Zucker auf. Aus dem reichlich vorhandenen Soja-Protein entstehen so immer mehr freie Aminosäuren – und genau hier sitzt der Umami-Zauber: Besonders wichtig ist Glutaminsäure (Glutamat), einer der Hauptträger des Umami-Geschmacks. Nach der Koji-Phase wandert die Mischung in die Salzlake und reift als „Moromi“ über Monate oder sogar Jahre.

Das Salz sorgt dafür, dass nichts „falsch“ kippt, während die Koji-Enzyme weiter langsam arbeiten – und zusätzlich Hefen und Milchsäurebakterien neue Aromastoffe beitragen. So entsteht nicht einfach „salzig“, sondern Tiefe: Umami durch freies Glutamat, dazu weitere Aminosäuren, leichte Süße aus den Zuckern und eine komplexe, runde Fermentationsnote. Gute Shoyu schmeckt deshalb nicht wie eine Würze oben drauf, sondern wie ein Verstärker, der das Essen von innen heraus voller, wärmer und länger macht.

Im Video sieht man das wunderbar: Gedämpfte Sojabohnen liegen auf großen Holzböden unterm Dach – warme Luft, gedämpftes Licht. Menschen streuen den Koji fast ehrfürchtig über die Bohnen. Kein Labor, kein Edelstahl, nur echte Dachboden-Atmosphäre. Und dann passiert das kleine Wunder: Der Koji beginnt zu arbeiten und verwandelt Stärke und Eiweiße ganz langsam in Zucker und Aminosäuren.

Gegen die Illusion der Abkürzung

Vielleicht geht es euch nach dem lesen des Textes ähnlich wie mir: Was für ein Aufwand. Wie viel Zeit das kostet. Eigentlich habe ich darauf keine Lust. Genau dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf – und genau dieser Gedanke steht sinnbildlich für unsere Gesellschaft.

Alles muss schnell gehen. Schnell verfügbar sein. Schnelles Essen hier, ein schneller Happen dort. Etwas, das man hastig konsumiert, um es ebenso hastig wieder zu vergessen. Tiefe wird gegen Tempo eingetauscht, Qualität gegen Bequemlichkeit. Und genau deshalb war dieser erste Widerstand für mich der Auslöser, mich auf dieses Thema einzulassen. Ich möchte meinem Essverhalten, aber auch den Dingen, die ich sonst tue, wieder mehr Tiefe geben.

Mehr Zeit. Mehr Bewusstsein. Denn eines habe ich im Garten und in der Lebensmittelherstellung sehr klar gelernt: Zeit lässt sich nicht austricksen – auch dann nicht, wenn sich die Welt um uns herum immer schneller zu drehen scheint.

Wie nehme ich euch diese Hürde?

Vielleicht wirkt die Herstellung von Shoyu im ersten Moment kompliziert oder abschreckend. Doch eigentlich ist sie überraschend einfach – vorausgesetzt, man hat sich einmal mit der Herstellung von Koji-Reis beschäftigt. Von dort aus ließen sich unzählige Richtungen einschlagen, aber der Einstieg ist klarer, als man denkt.

Wer keine Lust hat, den Koji selbst herzustellen, kann ihn auch ganz unkompliziert HIER bestellen. Ab diesem Punkt braucht es vor allem eines: Geduld. Mehr nicht. Warten, beobachten, Zeit vergehen lassen. Am Ende steht ein wunderbares Produkt, das mit nur wenigen Tropfen – oder Sprühstößen, ich fülle meine Shoyu immer in eine Sprühflasche – ein Gericht in eine völlig neue Dimension hebt.

Wenn ich euch mit diesem Thema ein wenig anstecken konnte, wünsche ich euch von Herzen viel Freude auf eurer eigenen Koji-Reise.

Sven`s helle Shoyu aus Koji-Reis

Dieses Rezept zeigt, wie einfach traditionelle Fermentation sein kann: wenige Zutaten, viel Zeit – und am Ende ein tiefes, komplexes Würzmittel, das mit kleinsten Mengen Großes bewirkt.
Servings 1 Glas
Vorbereitungszeit 12 Stunden
Zubereitungszeit 1 Stunde 20 Minuten
365 Tage

Kochutensilien

  • 1 Großes Glas- oder Bügelglas mit ca. 5 Litern Fassungsvermögen
  • 1 Großer Kochtopf
  • 1 Sieb
  • 1 Löffel zum Umrühren
  • 1 Feines Sieb oder Tuch zum Filtern
  • 1 Flaschen oder Sprühflaschen zum Abfüllen

Zutaten

  • 500 Gramm Koji-Reis Hinweis: Die Herstellung von Koji-Reis findest du auf dem Blog. Alternativ kann Koji auch fertig gekauft werden.
  • 500 Gramm gekochte Sojabohnen entspricht ca. 220–250 g trockenen Sojabohnen
  • Salz 10 % der Gesamtmenge am besten naturbelassen, ohne Rieselhilfen oder Zusätze z. B. Ursalz
  • 1200 ml Wasser

Anleitungen

  • Sojabohnen vorbereiten: Sojabohnen gründlich waschen und über Nacht in reichlich Wasser einweichen.
  • Kochen: Die eingeweichten Bohnen in einen großen Topf geben und 45–60 Minuten weich kochen. Dabei den entstehenden Schaum an der Oberfläche regelmäßig abschöpfen.
  • Abdampfen lassen: Die Bohnen durch ein Sieb abgießen und gut ausdampfen lassen, bis sie nur noch handwarm sind.
  • Ansatz herstellen: Sojabohnen zusammen mit den 500 g Koji-Reis in ein gereinigtes 5-Liter-Glas geben.
  • Salzlake ansetzen: Das Salz vollständig in 1.200 ml Wasser auflösen und ebenfalls in das Glas geben.
  • Fermentation starten: Das Gefäß nicht luftdicht verschließen – den Gummiring beim Bügelglas weglassen oder nur lose auflegen. An einem warmen Ort fermentieren lassen.
  • Pflege: während der Fermentation: In den ersten zwei Wochen täglich umrühren. Danach einmal wöchentlich umrühren. Zu Beginn beginnt die Masse beim Umrühren zu schäumen. Mit der Zeit lösen sich die Sojabohnen immer weiter auf.
  • Reifezeit: Nach 6 Monaten bis 1 Jahr ist die helle Shoyu fertig. Länger heißt nicht automatisch besser – schon nach sechs Monaten ist sie wunderbar aromatisch und gewinnt mit der Zeit weiter an Tiefe.
  • Abfiltern & Abfüllen: Die Shoyu durch ein feines Sieb oder Tuch filtern und in Flaschen oder Sprühflaschen füllen. Richtig gelagert ist sie jahrelang haltbar.
Gericht: Fermente
Küche: Japanisch
Keyword: Koji, Reis, Salz, Shoyu, Sojabohnen, Wasser

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